Landeplätze für Frohsinn
Irgendwann werde ich wissen, wieso gerade das Reisen im Zug so gute Möglichkeiten bietet, Menschen zu beobachten und daraus eine Lust am Bloggen abzuleiten: über das Leben zu schreiben und die Menschen in ihren Begegnungsräumen zu sehen.
Heute: Am Beginn der Reise ist ein älterer eleganter Herr an einem Vierertisch am Arbeiten – ganz viele Unterlagen an Papier sind raumgreifend am Tisch verteilt, er sitzt am Fenster in Fahrtrichtung. Sehr geschäftig. Ein junger Mann kommt, gefühlte zwanzig Armbänder an seinem Handgelenk, mit Vokuhila-Frisur und einem sehr offenen Blick. Er fragt den Herrn, ob denn gegenüber am Fenster noch Platz sei. Der Herr meint, das könne er nicht sagen, er wisse nicht, ob hier nicht irgendwer anderer sitze. Der junge Mann freundlich, das macht nichts, er stelle jetzt einmal seinen Rucksack ab, er müsse noch telefonieren gehen. Nach ein paar Minuten kommt er wieder, nimmt Platz, legt sein Handy ab und schaut freundlich. Keine fünf Minuten später ist der elegante Herr unrund. Er habe kein Netz. Der junge Mann versucht geduldig zu helfen, bis sich herausstellt – es gibt kein Netz. Das war vor eineinhalb Stunden. Seither reden die Beiden, vor allem der elegante Herr, der junge Mann hört zu, schaut aufmerksam und ich bin frohgestimmt.
Das erinnert mich wieder an die Sendung „Lebenskunst“ in Ö1 vom Sonntag, den 18.10.2026. Da gab es einen wunderbaren Beitrag zum Thema Frohsinn.
Daniela Philipp, Vorständin vom Viktor Frankl Institut in Wien, geht der Frage nach:
Kann uns Freude auch dann Kraft geben, wenn das Leben gerade nicht so läuft, wie wir es uns wünschen?
Frau Philipp sagt dazu: „Freude ist mehr als ein schönes Gefühl, sie kann uns stärken, uns durch schwierige Zeiten tragen und uns zeigen, dass wir im Leben am richtigen Platz sind.“
Es sei an uns, Quellen der Freude zu finden, auch wenn es nicht immer leicht sei. Es braucht uns, mit der Fähigkeit, es zu erkennen. Und es braucht ein Gegenüber. Nicht zwangsläufig müsse es ein Mensch sein. Es könne zum Beispiel auch die Natur oder auch die Musik sein.
WIE kann es gelingen, den Blick für die kleinen Freuden zu schärfen und mehr Freude zu empfinden?
- Bereitschaft für den Zufall. Viktor Frankl: „Zufall ist der Ort, wo das Wunder nisten kann. Dazu müssen wir einen Landeplatz schaffen, weg vom Getriebenen und der Hektik, gesammelt sein und Ruhe finden.“
- Achtsam Erschauen: mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen durch die Welt gehen
- Erkennen der Einzigartigkeit des Gegenübers: Das kann sowohl die Person sein oder auch der Moment, in dem ich mich befinde.
Dieser Beitrag im Radio mit Daniela Philipp schließt mit dem Wunsch, sich auch in Krisenzeiten zu sehen und zu benennen, wofür man dankbar ist.
Danke für diese wunderschönen Gedanken und dass ich sie mit euch teilen darf.
Danke dem Herrn und seinem jungen Gegenüber, die auch noch nach drei Stunden frohgestimmt im Gespräch sind.